Lichtschlag Buchverlag

Anarchie ist nicht Chaos

David Friedman stellt sich eine Gesellschaft ohne Staat vor

Karen Horn - Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. 9. 2003

Ein deutscher Liberaler, dem Querdenken durchaus nicht abhold, hat den sogenannten libertären Anarcho-Kapitalismus einmal im Scherz, aber mit Wohlwollen als „lunatic fringe“ bezeichnet, als „irren Randbereich“ des Liberalismus. Auch wenn „Kapitalismus“ mittlerweile nicht mehr ausschließlich als sozialistischer Kampfbegriff gegen den Markt daherkommt, so weckt „Anarchie“ immer noch wenig Sympathie, sondern wird unmittelbar mit Gefahr und Gewalt assoziiert. Doch es lohnt sich, hinter die Begriffsfassaden zu blicken.

David Friedman, Sohn des Ökonomie-Nobelpreisträgers Milton Friedman, gehört der Bewegung des Anarcho-Kapitalismus an, die in den Vereinigten Staaten deutlich mehr Anhänger zählt als hierzulande. Sein 1973 verfaßtes Buch „The Machinery of Freedom“ ist Kult. Als wissenschaftliches Werk läßt es sich kaum bezeichnen, eher als ein populäres, aber in Philosophie und Ökonomie wohlverankertes Erklärstück, in dem Friedman die Argumente für und wider seine extreme Position sauber abwägt. Der kleine Verlag Lichtschlag hat das Buch jetzt neu herausgebracht, mit Aktualisierungen. Zu wünschen wäre indessen ein Minimum an Professionalität bei dieser Erstübersetzung gewesen. Die Sprache ist holprig, und nachdem er über „zähes Glück“ statt „Pech“, „Drogen“ statt „Medikamente“ und „Diät“ statt „Ernährung“ gestolpert ist, fragt sich der Leser, wie vielen sinnentstellenden Übersetzungsfehlern er unbemerkt schon auf den Leim gegangen ist...

David Friedman ist hochbegabt und von überbordender Kreativität. Sein Werdegang spricht für sich: Erst an Harvard, dann an der University of Chicago hat er Chemie und Physik studiert, als Physiker wurde er promoviert. Nach einigen Jahren wechselte er die Disziplin – und wurde Assistant Professor of Economics am Virginia Politechnic Institute. Er arbeitete sich zum Associate Professor an der UCLA hoch – und tingelte weiter durch die Hochschulen des Landes, wobei er sich als Missionar für die anarcho-kapitalistische Sache zu profilieren begann. Zunehmend setzte er sich dabei mit Rechtsfragen auseinander – und bekam einen Jura-Lehrstuhl an der Santa Clara University, den er noch heute innehat.

„Ein Anarchist ist keiner, der das Chaos befürwortet“, klärt der wandlungsfähige Denker in seinem Buch auf. Das besondere sei ein klares Bekenntnis zur individuellen Freiheit – und die Konsequenz, daß der Anarchist auf das Gewaltmonopol des Staates und der Regierung verzichten wolle und stattdessen auf eine Ordnung setze, die auf freiwilliger Interaktion freier Individuen nach dem Tauschparadigma des Marktes fuße, gestützt von den Institutionen des Privateigentums. Es reiche nicht, den Staat durch Verfassungsvorschriften zu beschränken. Getrieben von den Interessen der Menschen, die innerhalb des Apparates ihren Platz fänden, dehne sich die staatliche Macht unausweichlich aus.

Den Nutzen einer Gesellschaft ohne hoheitliches Diktat zeigt Friedman anhand einer Fülle von Beispielen, von der Konkurrenz privater Währungen bis hin zu privatisierten Schulen. Mit erfrischender Phantasie malt er sich aus, wie beispielsweise mit dem Problem „öffentlicher Güter“ umzugehen wäre oder wie Haftungsfragen auch in einem System konkurrierender, privat aufgestellter und durch private Schlichter durchgesetzter Rechtsregeln gelöst werden könnten. Es ist durchaus kein Wahnsinn. Und es hat Methode.

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