Lichtschlag Buchverlag

Der Fast-Anarchist

Johannes Eber - Südkurier, 9. 7. 2003

Vor 30 Jahren schrieb David Friedman, Sohn des Nobelpreisträgers Milton Friedman, ein Kultbuch – Jetzt erst wurde es übersetzt.

„In jeder Gesellschaft gibt es im Wesentlichen nur drei Möglichkeiten, eine andere Person dazu zu bringen, mir zu helfen, meine Ziele zu erreichen: Zuneigung, Handel und Zwang.“ David Friedman

Stellen Sie sich einmal vor, Sie würden einkaufen gehen. Etwa weil Sie ein Buch kaufen wollten. Sie gingen also zu einem Buchladen, öffneten die Eingangstüre – und das erste was Sie sehen würden, wäre nicht eine Bücherwand, sondern Menschen in einer langen Schlange, die brav in Reih und Glied vor einer Kasse anstehen würden, um dort ihre Bestellung aufgeben zu können. Würden Sie diesen Buchladen jemals wieder betreten?

Andere Frage: Wann waren Sie das letzte Mal bei der Post? Man muss kein Ökonom sein, um zu erkennen, warum es bei der Post noch heute so zugeht wie früher im Sozialismus: Sie bietet etwas an, was man nur dort erhalten kann. Sie ist noch immer teilweise Monopolist bei der Briefbeförderung. Wer etwa ein Einschreiben nach Hamburg aufgeben will, der kommt nicht herum, sich in die Reihe der Wartenden zu begeben. Die Deutsche Post AG weiß das und spart deshalb beim Personal. So maximiert ein Monopolist seinen Gewinn. Zahlen muss es – in Form von Wartezeit und hohem Briefporto – der Absender. Das Briefmonopol wird es nicht mehr lange geben. Ab 2008 soll es ganz gefallen sein. In anderen Bereichen ist dies schon geschehen: Wir telefonieren über Privatfirmen und bekommen unseren Strom schon lange nicht mehr vom Staat. Die Akzeptanz der Marktwirtschaft ist durch diese Liberalisierungswelle zu Beginn der 90er Jahre gestiegen, weil die meisten Menschen die Zulassung von Konkurrenz in Form fallender Preise positiv zu spüren bekamen.

Um so verwunderlicher ist es, dass in der Öffentlichkeit die Diskussion weitgehend darüber verstummt ist, was überhaupt die Aufgabe des Staates sein sollte. Heute glaubt keiner mehr, dass das Paradies ausbrechen würde, wenn man Teile der Industrie verstaatlichen würde. Viele scheinen aber in der festen Überzeugung zu leben, es sei schon weitgehend alles privatisiert, was man privatisieren könne. Wie falsch das ist, zeigt ein Buch des amerikanischen Rechtsprofessors David Friedman, dem Sohn des Nobelpreisträgers für Ökonomie, Milton Friedman. David Friedman hat 1973 „Das Räderwerk der Freiheit – Für einen radikalen Kapitalismus“ geschrieben. Es wurde in den USA zu einem Kultbuch für Liberale. Aber es dauerte 30 Jahre, ehe Friedmans Manifest nun auch ins Deutsche (leider in ein schlechtes Deutsch) übersetzt wurde. Die Zahlen, die Friedman trotz mehrfacher Aktualisierung zur Belegung seiner Beispiele verwendet, sind heillosveraltet – die Thematik dagegen so aktuell wie nie. Denn die Aktivitäten des Staates werden für die augenblickliche wirtschaftliche Misere mitverantwortlich gemacht – Stichwort: Rente, Stichwort: Gesundheit, Stichwort: Arbeitsmarkt. Friedmans Buch ist eine einzige Erörterung der Frage, was der Staat besser kann als private Akteure. Seine Antwort: wenig bis gar nichts. Seiner Berechnung zu Folge, kostet jede Aktion von Regierungen wegen des fehlenden Wettbewerbs ungefähr das Doppelte, als wenn sie privat geleistet würde. Man mag die Exaktheit solcher Berechnungen anzweifeln. Als Richtschnur taugen sie allemal. Doch Friedman geht es um etwas Grundsätzlicheres: die Freiheit des Menschen. „In jeder Gesellschaft gibt es im Wesentlichen nur drei Möglichkeiten, eine andere Person dazu zu bringen, mir zu helfen, meine Ziele zu erreichen: Zuneigung, Handel und Zwang.“ Erstere gäbe es meist nur innerhalb einer kleinen, abgegrenzten Gruppe. Der Handel sei dagegen das Merkmal einer kapitalistischen Gesellschaft und dem Zwang vorzuziehen, weil beim Handel nur dann ein Geschäft zustande käme, wenn beide Seiten dies freiwillig wollten. Der Staat aber übe häufig Zwang aus, weil in einer Demokratie der Wille der Mehrheit gegen den Willen von Minderheiten durchgesetzt werde. Warum zwingt ein staatliches Gesundheitssystem die Menschen dazu – fragt Friedman – eine gewisse Menge medizinischer Versorgung zu kaufen, unabhängig davon, ob diese den Preis für angemessen halten oder nicht? Warum nimmt sich der Staat das Recht, Bildung quasi als Einziger anzubieten? Warum verteilt er nicht besser Bildungsgutscheine, die bei in Konkurrenz stehenden privaten Schulen und Universitäten eingelöst werden könnten? Doch wer nach einer Verschlankung des Staates ruft, wird oft als unsozial verschrien. Es brauche den Staat aus Gerechtigkeitsgründen, sagen viele. Sie glauben, dass der Rückzug des Staates zu einer ungerechten oder zumindest nicht wünschenswerten Wohlstands- und Einkommensverteilung führen würde.

Friedman ist anderer Ansicht. Warum, so der Professor der kalifornischen Santa Clara Universität, solle in einem rein kapitalistischen System die freiwillige Umverteilung nicht genauso groß sein, wie unter staatlicher Zwangsumverteilung? Anders gefragt: „Wenn die Nicht-Armen nicht großzügig genug sind, den Armen das Geld freiwillig durch private Fürsorge zukommen zu lassen, was bringt Sie dann dazu, anzunehmen, sie seien derartig große Narren, so abzustimmen, dass sie dazu gezwungen werden?“ Aber Friedman ist nicht blind für die Probleme, die sich in staatenlosen Gesellschaften ergeben würden. So braucht es in einer solchen Gesellschaftsform die eindeutige und vollständige Zuordnung von Eigentum. Die ist relativ einfach, was den eigenen Körper betrifft, und auch für Sachen, die man selbst hergestellt hat oder von einer anderen Person übertragen bekommt. Problematisch wird es bei einem, in einem kapitalistischen System ganz wesentlichen Eigentumsrecht: dem Boden. Was ist die gerechte Verteilung von Land? Friedman kennt sie nicht. „Soweit ich weiß, hat noch niemand einen überzeugenden Grund dafür geliefert, warum ich, nachdem das Land anfangs allen gehörte, irgendwie das Recht verliere, es zu betreten, nachdem jemand verlautbart hat, es zu besitzen.“ Und weil Friedman um die Probleme einer Gesellschaft ohne Staat weiß, ist er auch kein Anarchist. Vor allem kennt Friedman das Problem der so genannten öffentlichen Güter. Es handelt sich dabei um so beschaffene Güter, dass sie nur für alle Mitglieder einer bestehenden Gruppe hergestellt werden können. Ein Beispiel für ein öffentliches Gut ist die Landesverteidigung. Sie schützt alle in einem Land Lebenden. Das Problem eines solchen öffentlichen Gutes ist es aber nun, dass zwar jeder gernenmin den Genuss des Gutes – in dem Falln„Sicherheit“ – kommt, jeder aberbgleichzeitig den Anreiz hat, sich an der Finanzierung nicht zu beteiligen, da man auch ohne einen eigenen Beitrag beschützt werden würde. Anders gesagt: Wird kein Zwang ausgeübt – zum Beispiel weil keine Steuerpflicht besteht – ist es schwierig, die Menschen zur Kasse zu bitten, da es kaum eine Möglichkeit gibt, jenen, die nicht zahlen wollen, das Gut vorzuenthalten. Die Konsequenz: Ein öffentliches Gut braucht den Zwang, sonst wird es nicht produziert, obwohl seine Herstellung wünschenswert ist, wenn der Wert des Gutes höher als seine Kosten sind. Friedman bejaht deshalb in wenigen Bereichen, wie etwa der Landesverteidigung, den Staat (und damit den Zwang), weil dadurch ein größerer Zwang – zum Beispiel die Unterjochung durch eine Diktatur – vermieden werden kann. Sein Motto ist nicht, Zwang niemals zu zulassen, sondern „immer das zu tun, was die Gesamtheit des Zwangs minimiert.“

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