Für umfassende Sozialismus-BewältigungDeutschland-Journal der Staats- und Wirtschaftspolitischen Gesellschaft Hamburg , 8. 3. 2008 Ein jüngstes Buch von Josef Schüßlburner macht die Bedeutung der Sozialismus-Bewältigung deutlich Die sich abzeichnende Etablierung der ehemaligen Verwalter der DDR-Diktatur, des „allgemeinen sozialistischen Zuchthauses“ (so Otto v. Bismarck) , als Links-Partei in der gesamtdeutschen Bundesrepublik nötigt zu einer intensiven Beschäftigung mit dem eigenartigen Phänomen „Sozialismus“. Trotz seines Scheiterns zu immensen menschlichen Kosten erfährt Sozialismus erstaunlicher Weise immer noch eine Auferstehung. Zu Recht sieht der FDP -Vorsitzender Westerwelle in der Etablierung der SED-Nachfolgepartei DIE LINKE die heraufziehende Gefahr der politischen Unterdrückung. Ihren Erfolg bei Wählern und an Mitgliedern verdankt die Ex-SED als Linkspartei vor allem dem ehemaligen SPD-Vorsitzenden und SPD-Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine, der sich der Ex-SED angeschlossen hat. Lafontaine behauptet legitimer Weise von sich, daß er nunmehr als maßgeblicher Repräsentant der gesamtdeutschen Ex-SED noch dieselben Ideen vertritt, die er einst als maßgeblicher SPD-Repräsentant vertreten hatte. Dies ruft in Erinnerung, daß der mörderische Kommunismus einst um den 1. Weltkrieg aus der klassischen Sozialdemokratie hervorgegangen ist. Eine weitere maßgebliche Grundlage des Erfolges der gesamt-deutschen Ex-SED bei Mitglieder- und Wählerrekrutierung stellt erkennbar das „rechtsextreme“ Potential dar, das bei den bislang der SPD nahe stehenden Gewerkschaften festgestellt worden ist, was es erlaubt, sofern die bekannt gewordenen Analysen zutreffend sind, von etwa 1,5 Mio. „Rechtsextremisten“ innerhalb der deutschen Gewerkschaften zu sprechen. Man kommt aufgrund der sozialistischen Ausrichtung der Gewerkschaften dann nicht umhin, dieses offensichtlich existierende Potential zumindest im weitesten Sinne als „national-sozialistisch“ anzusprechen. Dies wirft die Frage auf, wie sich der historische Nationalsozialismus (NS) in die sozialistische Ideenströmung einordnet. Während das Hervortreten des Kommunismus aus der klassischen Sozialdemokratie noch einigermaßen bekannt ist, ist der sozialistische Charakter des Nationalsozialismus trotz der offensichtlichen Parteibezeichnung sowohl von Sozialisten als auch teilweise von NS-Sympathisanten entschieden in Abrede gestellt worden. Dieses Infragestellen wird dadurch erleichtert, daß NS-Repräsentanten die Bezugnahme auf mögliche Vorläufer vermieden haben, um den Nationalsozialismus als allein dem Genie Hitlers entsprungen zu kennzeichnen. So hat sich der Doktorvater des späteren SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher und maßgebliche Theoretiker des sog. Kriegssozialismus innerhalb und am Rande der SPD, Johann Plenge, bitter darüber beklagt, daß seine Vorläuferrolle für den Nationalsozialismus nicht anerkannt würde. Er mußte sich sagen lassen, daß nicht er, sondern Hitler der erste Nationalsozialist gewesen sei, während er nur der erste nationale Sozialist gewesen wäre. Eine umfassende Einordnung des Nationalsozialismus in die Ideenströmung des Sozialismus wird mit dem Buch von Josef Schüßlburner vorgenommen. Dieser kommt zum Ergebnis, daß sich der Nationalsozialismus in seinen wesentlichen Elementen, die ihm die „Bewältigung“ zu Recht vorwirft, aus den Prämissen sozialistischen Denkens und vor allem Fühlens ergibt. So geht die Herrschaftskonzeption, nämlich die demokratisch legitimierte Führerdiktatur, auf die Ansichten des nachträglich zum SPD-Gründer erklärten Ferdinand Lassalle zurück. Dessen insbesondere deutsch -nationalistischen Auffassungen, die im frühen 19. Jahrhundert bei bekennenden Demokraten maßgebend waren, wurden innerhalb der SPD verdrängt, weil der Nationalismus mit der Reichseinigung durch Bismarck vom Konservativismus in Beschlag genommen war und damit sein revolutionäres Potential verlor, das er mit dem NS wieder gewinnen sollte. Eine Verschmelzung von Sozialismus und Nationalismus ergab sich dann wieder mit dem sog. August-Erlebnis von 1914, das auch deshalb bedeutsam war, weil man den Krieg als Revolution ansehen konnte, die von Sozialisten erforderlich gehalten wurde, um den Sozialismus als neues Gesellschaftsmodell herbeizuführen. Die Kriegswirtschaft erzwang die staatliche Wirtschaftsregulierung, die dann als Sozialismus begriffen wurde, zumal die sozialistischen Klassiker keine konkreten Modelle einer sozialistischen Wirtschaft aufgezeigt hatten und man sich daher ad hoc an den erfolgreich geführten Staatsbetrieben des deutschen Kaiserreichs und an der administrativen Sozialisierung der Maßnahmen der Kriegswirtschaft zu orientieren gezwungen sah. Die rechtsrevisionistisch gewordene Mehrheitssozialdemokratie schreckte davor zurück, die verfassungsrechtlichen Konsequenzen der kriegswirtschaftlichen Sozialismuskonzeption zu ziehen, nämlich die Etablierung einer Parteidiktatur, was deshalb eine konsequentere Sozialismusvariante übernehmen sollte. Die wesentliche Mutation des klassischen Sozialismus, die zum Nationalsozialismus führte, besteht in der Ersetzung des Proletariats durch die Nation als Agens des Fortschritts, wie dies insbesondere in den Kriegsschriften des „Jakobiners“ (so wurde er innerhalb der SPD-Fraktion bezeichnet) Paul Lensch vorgenommen wurde. Auch andere wesentliche Vorwurfspunkte, wie Rassismus und Antisemitismus, ergeben sich in einer spezifischen Weise aus der klassischen sozialistischen Tradition, die von der SPD in einer manchmal sehr ambivalenten Weise verdrängt wurde, um dann als NS-Sozialismushäresie hervorzutreten. Dies war deshalb möglich, weil die Klassenkampfkonzeption ohnehin auf ein Rassenkampfkonzept zurückgeht, stellte man sich doch das Entstehen der Klassengesellschaft dadurch vor, daß sich eine Erobererrasse als führende Klasse etabliert hatte, so daß die sozialistische Revolution nicht nur eine Klasse, sondern auch eine Rasse beseitigt. Die Rückkehr von einem Klassen- zu einem Rassenkampfkonzept war auch deshalb möglich, weil es ein wesentliches theoretisches Anliegen sozialistischer Theoretiker des 19. Jahrhunderts, wie etwa des SPD-Chefideologen Karl Kautsky darstellte, den Darwinismus als biologische Welterklärungstheorie mit dem Klassenkampfkonzept als soziologische Kategorie kompatibel zu machen. Darin liegt die Bedeutung von Eugenik (Menschenzüchtung) begründet, die diese im sozialdemokratischen Diskurs bis in die 1930er Jahre eingenommen hat. Die darwinistischen Ideenansätze legten die Schlußfolgerung nahe, daß der Sozialismus nur durch eine bevorzugte Rasse verwirklicht werden könnte. Daß die Verwirklichung des Sozialismus den Germanen als führenden Repräsentanten der arischen Rasse vorbehalten sein würde, wurde etwa in den Schriften von Ludwig Woltmann, der Marxismus und Darwinismus integrieren wollte, ausführlich dargelegt. Da im Sozialismus, wie auch bei Marx, der zu überwindende Kapitalismus weitgehend mit dem Judentum gleichgestellt wurde, kann sogar gesagt werden, daß der Sozialismus generell auf den Unterschichtenantisemitismus der spätmittelalterlichen Ständekämpfe zurückgeht. Wenn der SPD-Vorsitzende August Bebel den Antisemitismus als „Sozialismus des dummen Kerls“ erklärte, dann kam damit noch die Auffassung zum Vorschein, die im Antisemitismus den seiner noch nicht selbst bewußt gewordenen Sozialismus erblickte. Der Antisemitismus der wesentlichen Repräsentanten des NS ist deshalb, wie Schüßlburner im einzelnen darlegt, sozialistisch motiviert. Im Nationalsozialismus erhielt der sozialistische Antisemitismus eine besondere Schärfe dadurch, daß man zurückgehend auf Michail Bakunin und Eugen Dühring befürchtete, die Sozialismus-Idee würde durch „jüdische Theorien“, wie etwa durch den Marxismus, im Interesse des Judentums verfälscht werden. Da durch die ideologische Entwicklung der SPD der Sozialismus weitgehend mit dem - wenngleich unterschiedlich verstandenen - Marxismus gleichgesetzt wurde und dabei konkurrierende Ideen wie die einst maßgebenden von Johann Karl Rodbertus, Pierre Proudhon, Eugen Dühring, aber auch von Ferdinand Lassalle verdrängt wurden, wurde der Antimarxismus der NS -Propaganda häufig, wie in der „Bewältigung“ auch heute noch, als Antisozialismus fehlverstanden. Dabei stellte der NS in Wirklichkeit ein häufig unbewußtes Aufgreifen dieser verdrängten Ideenansätze dar, die allerdings dem Marxismus dann doch nicht so unähnlich waren (nur Marxisten können da entscheidende Unterschiede feststellen, die für einen Nichtsozialisten zumindest nicht besonders relevant sind). So stellt das NS-Schlagwort von der „Befreiung von der Zinsknechtschaft“ nichts anderes dar als die Auffassung von Proudhon, wonach das nicht durch Arbeit erworbene Eigentum (d.h. Zinsen) „Diebstahl“ sei, was Dühring als „Gewalteigentum“ gekennzeichnet hatte. Kern der grundsätzlichen Sozialismuskritik von Schüßlburner besteht in dem Vorwurf, daß mit dem Sozialismus als Ideen - oder mehr Gefühlsströmung eine verdrängte spätantike gnostische Religiosität zum Vorschein kommt, die mit tiefen irrationalen Ressentiments und Rachebedürfnissen (Seinshaß) verbunden ist, so daß man versucht ist, mit Friedrich Nietzsche die Forderung nach „sozialer Gerechtigkeit“ als „Gerächtigkeit“ auszubuchstabieren. Dieser Gefühlskomplex ist sehr unheilschwanger, weil er letztlich etwas anstrebt, was nie zu verwirklichen ist und aufgrund der von Sozialisten allerdings kritisierten Existenzbedingungen des Menschen auch gar nicht angestrebt werden sollte. Für den garantierten Fehlschlag der doch so gut gemeinten Menschheitserlösungsprojekte werden dann immer Schuldige gesucht, die man dann als ideologisch, aber u. U. auch rassisch ungleiche Menschen dem Gleichheitsverlangen opfert. Sozialismus in welcher Untervariante auch immer, ergibt sich, wenn man bei der Demokratiekonzeption eine bestimmte Weichenstellung vornimmt, die zur „totalitären Demokratie“ (Talmon) führt, in die sich durchaus auch der Nationalsozialismus einordnet. Die Verankerung in das Demokratiekonzept erklärt auch, warum der Sozialismus gerade in Demokratien eine Versuchung bleibt, weil er bestimmte Prämissen der Demokratie aufgreift und sich ihrer in einer für viele schwer widerlegbaren Weise bedient. Der Sozialismus wird in der nächsten Zeit weniger die Verstaatlichung der Wirtschaft anstreben, sondern er will die Gleichheit des Denkens und Fühlens erzwingen. Demokratie im sozialistischen Verständnis besteht dann im öffentlichen Bekenntnis zu demokratischen Meinungen, im Vergießen amtlicher Tränen anläßlich des Gedenkens an bestimmte historische Ereignisse bei Verdrängen von anderen Ereignissen. Diese Art von Sozialismus, die sich vom gescheiterten sowjetischen Sozialismusmodell anscheinend überzeugend distanziert, wird bemerkenswerter Weise eine große Ähnlichkeit mit dem national-sozialistischen Sozialismusmodell aufweisen, auch wenn sich der Neo -Sozialismus von diesem entschieden distanziert, dem es ebenfalls um die Sozialisierung des Menschen ging. Bei diesem anscheinend neuen Sozialismusmodell, das sich mit Etablierung der 68er und nunmehr der Ex-SED zu verwirklichen beginnt, kommen allerdings auch weitere Elemente des NS-Sozialismus in transformierter Form als gewissermaßen NS -inversus zum Vorschein: Der Rassismus des NS wird dabei multirassisch verformt, indem rein deutscher Abstammung eine mit Erzwingung des sog. Multikulturalismus zu bekämpfende Veranlagung zum „Faschismus“ unterstellt wird. Der als Repräsentant dieses Deutschtums angesehene deutsche „Rechte“ wird von Neo-Sozialismus in einer Weise kategorisiert und auch bekämpft, daß damit jederzeit das Judentum verdammt werden könnte. Dieser latente Antisemitismus des Neo -Sozialismus ist bereits in bestimmten Formen des Antizionismus der 68er deutlich geworden, die Antifaschismus und Antizionismus verbinden wollten. Die Gefahr des Freiheitsverlustes, der mit dem Neo-Sozialismus verbunden ist, für dessen Etablierung nicht zuletzt der Erfolg der Ex-SED steht, macht eine umfassende Sozialismusbewältigung erforderlich, die sich nicht allein auf den Nationalsozialismus beschränken darf. Im Interesse der politischen Freiheit in der Bundesrepublik Deutschland ist dem hier besprochenen Buch von Schüßlburner Erfolg zu wünschen. |