Lichtschlag Buchverlag

Umgestaltung der Gesellschaft

Gerd Habermann - Neue Zürcher Zeitung, 28. 1. 2008

    Zustände, wie sie Roland Baader wieder für unsere Gesellschaft heraufkommen sieht, beschreibt in einer «Negativ-Utopie» der berühmteste deutsche liberale Politiker der Bismarck-Zeit, Eugen Richter, 1891 in seinen «Sozialdemokratischen Zukunftsbildern» («frei nach Bebel»), ein Buch, das vor dem Ersten Weltkrieg ein Bestseller war. In Form eines fiktiven Tagebuches schildert hier ein zunächst begeisterter Sozialdemokrat den Sieg der Revolution in Berlin und die anschliessende Umgestaltung der Gesellschaft: Verstaatlichung, Auflösung der Familie; Herstellung sozialer Gleichheit, Organisation der Arbeit und des Konsums. Dies alles wird nicht abstrakt dargestellt, sondern in persönlichen Erlebnissen einer Familie, deren Glück durch Staatswillkür zerstört wird.

    Viel von dem, was Richter hier schildert, wurde später in den realsozialistischen Ländern bis ins Detail Wirklichkeit: die Schäbigkeit und Monotonie des Alltagslebens, miserable Versorgung, der wachsende Terror, der Verlust auch der geistigen Freiheit, der Zerfall der sozialen Beziehungen durch die Schwächung und Kontrolle der Familienhaushalte. Deutschland wird hier zum ersten Mal als «Zuchthausstaat», gesichert durch Grenzsoldaten mit Schiessbefehl, gezeigt. In der DDR wurde dies dann zur Realität. Eugen Richter zeigt mit ökonomischem Sachverstand und psychologischer Phantasie die Unmöglichkeit eines demokratisch-freiheitlichen Sozialismus. In einer Zeit, in der sich eine radikale Linke in Deutschland mit Frechheit und historischer Ignoranz erneut konstituiert und prominente Politiker vom «Sozialismus des 21. Jahrhunderts» schwadronieren, ist diese Lektüre gewiss aktuell. Es ist verdienstvoll, dass der neue Lichtschlag-Verlag diese «Zukunftsbilder» wieder aufgelegt hat. Detmar Doering hat das Richter-Buch mit einer ausführlichen, ganz exzellenten Einleitung bereichert.

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