Lichtschlag Buchverlag

Den Staat stückweise verkaufen

Ordnung in Freiheit ist ohne Zentralgewalt möglich

Sascha Tamm - Handelsblatt, 19. 11. 2003

Was passiert, wenn wir den Staat verkaufen? Diese Frage versucht David Friedman, der Sohn des großen Ökonomen Milton Friedman, in seinem Buch „Das Räderwerk der Freiheit“ zu beantworten. Die übliche Antwort ist: Es entsteht notwendigerweise Chaos, es herrscht das Recht des Stärkeren. Friedmans Antwort dagegen lautet: Es ist zumindest möglich, dass eine durchaus nicht ungeordnete freie Gesellschaft entsteht. Freiwillige Vereinbarungen würden an die Stelle staatlichen Zwangs treten.

Das Buch, das jetzt 30 Jahre nach seinem erstmaligen Erscheinen in deutscher Übersetzung vorliegt, wird Zweifel an dieser Zukunftsvorstellung nicht gänzlich ausräumen können. Doch das beeinträchtigt nicht den Gewinn, den man aus der Lektüre dieses Klassikers der libertären Bewegung in den USA ziehen kann. Schon die Darstellung der Grundlagen einer freien Gesellschaft öffnet den Blick für Vieles, was gewöhnlich hinter den staatsgläubigen Wahrnehmungsmustern verborgen bleibt.

Friedman beginnt mit einer Verteidigung des Privateigentums als Basis jeder wirtschaftlich erfolgreichen Gesellschaft. Er zeigt plastisch, dass diese Institution nicht nur ökonomisch, sondern vor allem moralisch dem öffentlichen, genauer: dem Staatseigentum, überlegen ist. Sie ermöglicht es den Menschen, ihre eigenen Pläne zu verfolgen. Gleichzeitig schützt sie aber die Menschen davor, für die Bedürfnisse anderer Menschen zu bezahlen, wenn sie mit deren Plänen nicht sympathisieren.

Das deckt die Unsinnigkeit des bis heute weit verbreiteten Vorurteils auf, Privateigentum bringe „Ausbeutung“ mit sich. Staatliches Eingreifen in wirtschaftliche Abläufe beutet dagegen stets die Vielen zugunsten einer kleinen Minderheit aus. Das gilt für Agrarsubventionen ebenso wie für staatliche Universitäten.

Das „Räderwerk der Freiheit“ bleibt nicht bei der Fundamentalkritik staatlichen Handelns stehen. Friedman zeigt Wege auf, wie die existierenden staatlichen Behörden und Regelsysteme durch private Organisationen ersetzen werden könnten. Dabei erklärt er die ökonomischen Zusammenhänge mit jener Präzision und Anschaulichkeit, die den deutschen Lesern vor allem aus seinem Bestseller „Der ökonomische Code“ bekannt ist. Das fasziniert besonders dort, wo er für die Privatisierung von Bereichen eintritt, die bis heute als geradezu unantastbare Kompetenzen des Staates gelten. Wer von vornherein anzweifelt, dass ein funktionierendes Rechtssystem ohne zentralisierte staatliche Zwangsgewalt funktionieren kann, wird nach der Lektüre der entsprechenden Kapitel vielleicht zum Nachdenken gezwungen.

In dieser Form der Provokation liegt wohl auch der größte Wert dieses Buches: Verteidiger staatlicher Handlungen können sich nicht mehr einfach darauf berufen, dass diese selbstverständlich und Alternativen praktisch undenkbar seien. Sie müssen Argumente dafür finden, warum der Staat irgendetwas besser kann als private Organisationen.

Bei der äußeren Sicherheit und beim Rechtssystem, das gesteht auch Friedman zu, lassen sich viele sinnvolle und möglicherweise entscheidende Einwände gegen seine Position finden. Das staatliche Bildungswesen allerdings, Infrastruktur in Staatseigentum oder umweltpolitischer Interventionismus lassen sich schon bedeutend schwerer verteidigen. Für all diese Politikbereiche wird gezeigt, dass sie unter der Abwesenheit von Privateigentum und damit von Verantwortung und Wettbewerb leiden. Sie gehorchen stattdessen den – wieder ökonomisch zu erklärenden – Gesetzen politischer Willensbildung.

Friedman verfällt in seiner Darstellung privater Institutionen nicht der Versuchung, eine freie Gesellschaft der Zukunft sogleich in vielen Details zu beschreiben. Andere Libertäre tun das - und machen damit den gleichen Fehler wie totalitäre Utopisten. Friedman will, wie er in der Überschrift zum zweiten Teil des Buches ankündigt, den Staat „stückweise“ verkaufen. Er bewahrt sich damit ein gesundes Maß an Skepsis gegenüber der Anmaßung, die Zukunft voraussehen und radikale Umwälzungen auf „revolutionärem“ Weg erreichen zu können.

Die Übersetzung ist im Allgemeinen gut lesbar, im zweiten Teil wäre jedoch stellenweise etwas mehr Sorgfalt angebracht gewesen. Vor allem die immer gleich bleibende Übersetzung von „government“ mit „Regierung“, wo in den meisten Fällen „Staat“ angebracht gewesen wäre, trägt zur Verwirrung bei. Sehr hilfreich sind dagegen die Aktualisierungen, die in Zusammenarbeit mit dem Autor eingefügt wurden. Gleiches gilt für die Erläuterungen spezifisch amerikanischer Begriffe und Organisationen, die sich dem nicht-amerikanischen Lesern schwer erschließen.

Friedmans Buch kann auch heute noch, und auch in der deutschen Fassung, ein intellektuelles Vergnügen bereiten – auch wenn man seinen Positionen skeptisch gegenübersteht. Weniger erfreulich ist: Friedmans Feststellung, Staaten seien unfähig, eine langfristige und an den Rechten und Interessen der Bürger ausgerichtete Politik zu betreiben, hat sich in den 30 Jahren seit dem ersten Erscheinen des Buches immer wieder bestätigt.

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